Philosophische Aspekte (mehr)

Ein Bonmot sagt, dass der Mensch zwar in der Lage ist, die Tiefen des Universums zu erforschen, aber gleichzeitig unfähig ist, sich selbst zu erkennen. Das bedeutet, dass wir uns selbst immer noch das größte Rätsel sind, obwohl wir uns doch eigentlich selbst am nächsten sind.

Um das Mysterium des Menschseins zu begreifen, existieren vielfältigste religiöse und philosophische Ansichten und Schulen. Da die innere Arbeit mit dem persönlichen Grundton ebenfalls ein Weg der Selbsterkenntnis sein kann, ist es wichtig, diesem Weg ein philosophisches Konzept zur Seite zu stellen.

Vemu Mukunda war aufgrund seiner indischen Herkunft und seiner brahmanischen Ausbildung fest in der Philosophie des Hinduismus verankert. Die darin formulierten Ansichten über das Wesenhafte des Menschen und den Sinn des Lebens gehörten für ihn zum Grundkonzept seines Lebens, und sie bilden meines Erachtens auch das Gerüst für sein Nada Brahma System.

Da die alte indische Philosophie auch mir das überzeugendste Lebenskonzept ist, studiere ich es nunmehr seit über 25 Jahren unter der Anleitung meines Lehrers Sri Sathya Sai Baba. Das Studium der Heiligen Schriften Indiens (Veda und Vedanta) half mir, eine Lösung für meine dringendsten Fragen zu finden. Insbesondere das dort formulierte Menschenbild hat mein Interesse geweckt, da es eine einleuchtende Erklärung über die Beschaffenheit der menschlichen Natur gibt.

Die indische Philosophie erklärt, dass das gesamte Universum aus den fünf Elementen besteht und seine vielfältigen Formen aus deren unterschiedlichen Kombinationen resultieren. Dies gilt ebenso für den Mikrokosmos Mensch. Die fünf Elemente bilden die Grundlage für seinen Aufbau in fünf Hüllen (kośa), von denen aber nur die Erde-Hülle (annamayakośa) im westlichen Sinne materiell ist. Der zentrale Teil jeder Persönlichkeit ist aber das individuelle Bewusstsein, das sich im Denkorgan (antahkarana) darstellt. Die Differenzierung in die vier Unterfunktionen des Denkens (erinnern – bewahren – abgleichen – korrigieren) helfen, die eigenen komplexen Denkabläufe zu begreifen und sich ihrer bewusst zu werden.

Dieser philosophische Ansatz in die Lebenspraxis umgesetzt bedeutet, dass für eine Veränderung der Lebenssituation im Wesentlichen die eigenen Denk- und Empfindungsmuster verändert werden müssen. Sie bilden den Ausgangspunkt für alle weiteren Ereignisse im Leben. Die indische Philosophie beschreibt, dass ein unbewältigter und unbewusst ablaufender Gedanke eine negative Emotion nach sich zieht (manomayakośa). Langfristig blockiert diese wiederum den ungehinderten Fluss von Lebensenergie (pranamayakośa), was im Endeffekt eine Erkrankung oder Dysfunktion im organischen Bereich (annamayakośa) nach sich zieht.

Für den, der eine Veränderung seiner Innenwelten anstrebt, kommen Stimme und Stimmfunktion eine besondere Bedeutung zu. Im Stimmklang ist nicht nur der persönliche Grundton hörbar, sondern auch die Empfindung, die man während des Sprechens gerade fühlt. Somit besteht eine direkte Beziehung zwischen Stimmfrequenz und Emotion. Wenn aber die Stimme über die Stimmfrequenz unbewusst unsere heimlichen Gedanken und Emotionen preisgibt, kann man eben diese auch mit den entsprechenden Frequenzen erreichen und verändern. Somit ist eine Verwandlung der persönlichen Gedanken und Emotionen mit den Mitteln des gesungenen Tons möglich.

Mit dem Unterbau der indischen Philosophie wird deutlich, was Vemu Mukunda stets gewusst haben muss, ohne dass er es explizit geäußert hat: das eigentliche Potential des gesungenen Tons liegt in seiner positiven Wirkung auf unsere individuellen Denk- und Empfindungsvorgänge. Aufgrund dieser Erkenntnis konnte Mukunda seine Singübungen so effektiv gestalten, da er genau wusste, wo im menschlichen Körper diese Vorgänge ablaufen und mit welchen stimmlichen Mitteln man sie erreichen kann. Damit steht jedem Menschen, der die Kraft seines Grundtons nutzt, ein machtvolles Instrument zur Transformation seiner ureigensten Gedanken und Emotionen zur Verfügung.

Im Sinne der indischen Philosophie kann das Singen des Grundtons langfristig zum eigentlichen Ziel des Lebens hinführen. Wird der persönliche Grundton über viele Jahre im Sinne einer Yogapraxis genutzt, treten seine auflösenden Eigenschaften auf: Der Mensch wird still und erreicht den Zustand von „pure and primitive“ (Vemu Mukunda). Dann beendet das Denkorgan seine Aktivität und jegliche Gedanken hören auf. Damit erlischt jede Erinnerung an ein individuelles Selbst und es offenbart sich die wahre Natur des Menschen.

Durch den Ton zur Stille

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